Sylvia Plath

Einige Gedichte aus Crossing the Water

in deutscher Übersetzung von Johannes Beilharz

 

Tot geboren

Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose.
Ihre Zehen und Finger sind richtig ausgebildet,
ihre kleinen Stirnen vor Konzentration gewölbt.
Sie haben es nie geschafft, umherzugehen wie Leute,
doch nicht etwa aus Mangel an Mutterliebe.

Ich begreife nicht, was aus ihnen geworden ist!
In Form und Zahl und allen Teilen sind sie gelungen.
Sie liegen so lieb in der Pökelflüssigkeit!
Sie lächeln und lächeln und lächeln mich an.
Und trotzdem füllen sich die Lungen nicht,
fangen die Herzen nicht an zu schlagen.

Sie sind keine Schweine, nicht einmal Fische,
obwohl sie etwas Schweinisches und Fischiges an sich haben –
es wäre besser, sie wären am Leben und wären diese Tiere.
Doch sie sind tot, und ihre Mutter ist halb tot vor Qual,
und sie starren nur dumm und sprechen nicht von ihr.

Stillborn

 

Metaphern

Ich bin ein neunsilbiges Rätsel,
ein Elefant, ein massiges Haus,
eine Melone, die auf zwei Ranken spaziert.
O rote Frucht, Elfenbein, feines Bauholz!
Dieser Laib ist dick in seinem hefigen Gehen.
Frisch gedruckte Scheine in diesem fetten Geldbeutel.
Ich bin ein Mittel, eine Bühne, eine Kuh im Kalb.
Ich habe eine Tüte grüner Äpfel gegessen,
bin in den Zug gestiegen, von dem es keinen Ausstieg gibt.

Metaphors

 

Gefühlsduselig

Auf Schlamm gebettet unter dem Zeichen der Hexe,
im Griffe des Blutes, henkt die schlafwandelnde Jungfrau
mit ihrem Fluch den Mann im Mond,
den Reisigbündel tragenden Jack in seinem rißlosen Ei:

Mit einem Oxhoft Rotwein zum Saufen ausgebrütet
ist er König und an kein Stöhnen angenabelt,
doch kaufen fischschwänzige Mädchen beide weißen Beine
zum Preis einer nadelgestickten Haut.

Maudlin

 

Mänade

Einst war ich gewöhnlich:
saß bei meines Vaters Bohnenbaum,
aß die Finger der Weisheit.
Die Vögel gaben Milch.
Bei Donner versteckte ich mich unter einem flachen Stein.

Die Mutter der Münder liebte mich nicht.
Der alte Mann schrumpfte zu einer Puppe zusammen.
O ich bin zu groß, um rückwärts zu gehen:
Vogelmilch ist Federn,
die Bohnenblätter sind stumm wie Hände.

Dieser Monat taugt zu fast gar nichts.
Die Toten reifen in den Traubenblättern.
Eine rote Zunge ist unter uns.
Mutter, halt dich von meinem Scheunenhof fern,
ich werde jemand anders.

Hundskopf, Verschlinger:
füttere mich mit den Beeren des Dunkels.
Die Lider schließen sich nicht. Die Zeit
entwickelt vom großen Nabel der Sonne
ihr endloses Glitzern.

Das alles muß ich schlucken.

Meine Dame, wer sind diese anderen im Mondbottich –
schlaftrunken, ihre Glieder uneins?
In diesem Licht ist das Blut schwarz.
Sag mir meinen Namen.

Maenad

 

Dunkles Haus

Dies ist ein dunkles Haus, sehr groß.
Ich selbst habe es gebaut.
Zelle um Zelle aus einer stillen Ecke,
an dem grauen Papier kauend,
Leimtropfen absondernd,
pfeifend, mit den Ohren wackelnd,
an anderes denkend.

Es hat so viele Keller,
solch aalische Stöbergruben!
Ich bin so rund wie eine Eule,
mein eigenes Licht ist mir Licht genug.
In Bälde werde ich junge Hunde werfen
oder ein Pferd gebären. Mein Bauch bewegt sich.
Ich muß weitere Karten herstellen.

Diese markigen Tunnels!
Mit Maulwurfshänden fresse ich mich durch.
Allmund leckt die Büsche
und die Fleischtöpfe auf.
Er wohnt in einem alten Brunnen,
einem steinernen Loch. Er ist schuld.
Er ist der dicke Typ.

Kieselgerüche, Rübenkammern.
Winzige Nasenlöcher atmen.
Klein, demütig, so lieb!
Füßlinge, knochenlos wie Nasen,
es ist warm und zum Aushalten
im Gedärm der Wurzel.
Da, eine schnuckelige Mutter.

Dark House

 

Sylvia Plath
Crossing the Water
New York: Harper & Row, 1971

Copyright © der deutschen Übersetzung Johannes Beilharz 2000.

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