Einige Gedichte von

Peter Schjeldahl

Aus dem Amerikanischen von Johannes Beilharz

 

Der deutsche Dichter

Ich werde von einem stämmigen, aufgeblasenen deutschen Dichter besucht, der nach New York gekommen ist, um, in eigenen Worten, "die Autoren der amerikanischen Dichtung zu besuchen, die ich liebe." Wir befinden uns in einem kleinen Apartment, das ich mit Arlene teile. Zuerst amüsiert mich der Deutsche, doch dann ärgern mich seine Umgangsformen mehr und mehr. Gott sei Dank kann ich ihn dazu bringen, sich nicht für die Nacht in unserem Apartment einzuquartieren. Ich komme aber nicht darum herum, sein Haustier, einen riesigen, orangefarbenen Affen, zu beherbergen.
          Der Affe ist freundlich und gehorsam, nur scheißt er andauernd im Apartment herum. Arlene und ich verbringen die ganze Nacht damit, seinen Dreck aufzuputzen.
          Am nächsten Abend nehmen wir den Affen zu Rebecca Wrights Apartment mit, wo eine Lesung stattfinden soll, und sind froh, ihn dem Deutschen zurückgeben zu können. Der Deutsche macht mir klar, daß ich seine Gefühle sehr verletzt habe, und ich fühle mich gleich schuldig. Mit den anderen, einschließlich Allen Ginsberg, scheint er aber gut auszukommen.
          Von Allen sagt er zu mir, mit einer vor Gefühl zitternden Stimme: "Die Negation des Todes dieses Mannes habe ich immer gebraucht." Obwohl eigenwillig, kommt mir diese Gefühlsäußerung doch sehr bewegend vor.
          Ein "Beat"-Dichter, der aussieht wie der junge Jack Kerouac, rezitiert zur Begleitung einer Sitar. Sein Gedicht beschäftigt sich mit seiner "eigenen miserablen Verrücktheit" und beinhaltet die folgenden, eine Unterredung mit einem Psychiater betreffenden
Zeilen:
          "Der Doktor sagt, er kann mich wieder hinbringen,
          indem er mich von meiner Gier nach Poesie und dem
                              alten Freudenhunger befreit."
Später treffe ich den deutschen Dichter wieder. Fast weinend läßt er mich wissen, wie sehr er von mir enttäuscht ist. "Ich dachte immer," sagt er, "daß Dir, mehr als Gedichte, Nicht-Gedichte gefallen," was ich als einen Vorwurf wegen meiner allgemeinen Verkrampftheit auffasse. Ich bin völlig beschämt und weiß nicht, was ich antworten soll.

"The German Poet"

 

Lebensstudien

1.

Stunden stehen um die Uhr herum
Um "geschlagen" zu werden; ja, unsere Zeit wird ein bißchen kürzer
Und wir bekommen eine neue Beule oder Quetschung
Oder einen "schweren Schlag" oder ein paar davon zum Vorzeigen

2.

Die Autos halten an und fahren weiter
Sie sind benzingefüllt, glänzen
Und sind wahnsinnig teuer     Da schau! in einer Sekunde
Werden die beiden da aufeinanderkrachen, beide Fahrer schwer verletzend

3.

Ein Schachspiel schreitet fort
Wie präzise und kraftvoll sich die Figuren bewegen!
Weiß wird schwarz todsicher in zwei Zügen matt setzen
Aber nein, er hat's vermasselt

4.

Zwei Jungen rauben einen jungen Mann aus
Einer hält ihm das Messer an den Hals
Während ihm der andere Geldbeutel, Mantel und Schirm wegnimmt
Jetzt stechen sie ihm mit dem Schirm in den Bauch

5.

Wir blättern das Gedichtbuch um
Doch ist unser Vergnügen kurzlebig: die Gedichte
Sind von einem furchtbaren Dichter      Dafür
Haben wir zwei Dollar fünfundvierzig bezahlt!

"Life Studies"

 

Affäre

Ich gehe schon längere Zeit mit einer schönen Frau aus. Meistens machen wir gemächliche Spaziergänge die Madison Avenue entlang und betreten dann und wann piekfeine Bars oder Cafes, um dort etwas zu uns zu nehmen und uns zu unterhalten.
          Wir mögen uns sehr, doch haben wir aus irgendeinem Grund noch nie miteinander geschlafen. Wir tun es schließlich in meinem Apartment, und es ist wunderbar. Stundenlang lieben wir uns zärtlich, glücklich und leidenschaftlich.
          Danach bin ich seltsam deprimiert. Es kommt mir so vor, als ob etwas mir Unverständliches oder etwas, das ich mir nicht eingestehen mag, noch sehr an unserer Beziehung fehlt.

"Affair"

 

Krieg

Ich befinde mich in einem tiefen, engen, von steilabfallenden Felsen eingefaßten Canyon. Irgendeine militärische Einrichtung, und ich bin einer von vielen jungen Soldaten, die sie bewachen sollen. Der ganze Canyonboden ist von großen Löchern übersät. Aus jedem Loch schaut ein kleines Flakgeschütz heraus. Tausende! Mensch, denke ich, soll es diesen Hunden bloß einfallen, uns zu bombardieren!
          Ich spiele mit einem der Geschütze und folge mit seinem Lauf einem imaginären Flugzeug am Himmel. Zwischendurch habe ich jedoch quälende Gedanken: Was, wenn der Feind nicht angreift? Was, falls die nicht wissen, daß wir hier sind? Was, wenn es nicht einmal Krieg gibt?
          Der Hauptmann tritt auf, ein grauhariger Mensch, der hier den Befehl führt. Ich frage ihn, ob wir einen Angriff erwarten können. Er lächelt ironisch. Er weiß nicht, was passieren wird, sagt er, aber bei einem Angriff sind wir verloren. Die Bombenladung eines einzigen Flugzeugs, sagt er, genügt um uns alle zur Hölle zu schicken.
Oh du Scheiße! denke ich.

"War"

 

Die Lesung

Ich erwache durch ein Klopfen an der Tür. Es ist Tom Disch. Er sei wegen der Lesung gekommen, sagt er. Ich weiß nicht, wovon er redet, aber ich lasse ihn hereinkommen, krieche wieder ins Bett und schaue ihm schläfrig dabei zu, wie er ein Stück Papier herauszieht und es mir reicht.
          Das Stück Papier enthält eine detaillierte, fünf numerierte Absätze umfassende Kritik der Träume, die ich in letzter Zeit niedergeschrieben habe. Als jemand, der einige Erfahrung im Verfassen phantasievoller Prosa habe, sagt Tom bescheiden, habe es ihm wehgetan, mich beim Schreiben meiner Traumarbeiten einige fundamentale, vermeidbare Fehler machen zu sehen. Diese Fehler umreiße seine Kritik.
          Ich bin gerade dabei, sie zu lesen, als es wieder klopft. Tom geht an die Tür, und Anne Waldmann, John Ashbery und zwei oder drei andere Leute kommen herein. Ich frage, was los sei, und Anne sagt: Weißt du denn nicht? Die St. Mark's Weihnachtslesung findet dieses Jahr in deiner Wohnung statt.
          Ich schaue mich in meinem 12 Quadratmeter großen Apartment um. Wo sollen wir das Publikum unterbringen? frage ich mich und jemand sagt: Mach dir keine Gedanken, es geht schon alles in Ordnung.
          Ich will aufstehen, doch erinnere ich mich, daß ich ja nackt bin. So ziehe ich die Decke hoch bis ans Kinn und warte, völlig erstaunt.
          Alle anderen scheinen ebenfalls zu warten. Es ist Mittnachmittag. Wunderbar goldenes Sonnenlicht strömt zu den Fenstern herein. Ganz freundlich sagt John Ashbery, er freue sich darauf, mich einige meiner neuen Träume lesen zu hören. Sie seien in ihrer jetzigen Form wahrscheinlich nicht besonders gut, fügt er hinzu, Tom zunickend, aber sie seien ganz charmant wenn mündlich vorgetragen.
          Seine letzte Bemerkung trifft mich ein bißchen, doch bin ich auch ganz gerührt und erfreut wegen all der Aufmerksamkeit. Ich möchte mich bei allen persönlich bedanken, doch finde ich keine Worte. Alle sitzen im sonnenerfüllten Zimmer herum, entspannt und lächelnd, und warten auf den Beginn der Lesung.

"The Reading"

 

Biographische Notiz

Peter Schjeldahl wurde 1942 in Fargo, North Dakota, geboren und wuchs in verschiedenen Kleinstädten Minnesotas auf. Er studierte an Carleton College und New School. 1964 ging er für ein Jahr nach Paris. 1965 ließ er sich in New York nieder. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht und ist einer der einflußreichsten Kunstkritiker der Gegenwart.

Die Originale dieser Gedichte stammen aus Peter Schjeldahl: Since 1964, New & Selected Poems, Sun, New York, 1978. Copyright © der deutschen Übersetzung Johannes Beilharz 1983/2000.

Amerikanische Originaltexte der Gedichte

Übersetzungs-Index

Anmerkungen über das Schöne (Essay von Peter Schjeldahl)

 

Auf Deutsch erschienen ist:

Peter Schjeldahl
POESIE DER TEILNAHME
Kritiken 1980-1994

Herausgegeben von Maaretta Jaukkuri
Aus dem Amerikanischen von Martina Siebert

304 Seiten, gebunden
Verlag der Kunst, Dresden, 1997
Erhältlich im Buchhandel, z.B.
Amazon

Der Verlag über dieses Buch:
In den letzten Jahren häuften sich die emphatischen Stimmen über die Kunstkritiken Peter Schjeldahls, die vor allem in der Village Voice, Art in America, in der New York Times und in Vanity Fair erschienen. Seine Neugier und sein Witz, seine poetische Stimme und seine behutsame Aneigung des Wahrgenommenen machen ihn zu einem der wichtigsten Kunstkritiker der Gegenwart. Seine Gegenstände reichen dabei von Velázquez und Courbet über Matisse und Picasso, Anselm Kiefer und Gerhard Richter bis zu den jüngeren Künstlern der 80er und 90er Jahre, wie Jeff Koons, Barbara Kruger und David Salle.
1995 erhielt er das Guggenheim-Fellowship für Kunstkritik.