Einige Gedichte von

Harry Mathews

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz

   

Die Relikte

   

Der treu ergebene Spion

Wo sind die Messinginseln?
Da sind die Messinginseln.
Ihr gelber Weizen beugt sich nicht, und ihre Gipfel
Klingen stumpf. Ihre Messinghäfen
Leuchten im Hauch der Dämmerung in stupider Glorie –
Am hellen Tag bringt in diesem Mattgold
Sogar fast gelber Kupferschrott süße Erleichterung.
Die Straßen sind steif vom Blinken und Klimpern
Oder drahtverbundenen Lidern, ein taubes Klappern
Von Messingfüssen, die auf Messing trommeln,
Messingzähne, Messingtränen,
Messingbrüste! In einer dieser Städte
Fand ich einen Mop aus roten Lumpen,
Ging aber nach Abschluß meiner Geschäfte. An die Farbe
Erinnere ich mich nicht. Von dem Mohn hier bin ich überwältigt –
Wilder Mohn salzt den Ernteweizen
Wie Gedenkbänder, rot unter Tubas.

 

Die Schlacht

Die Sonne ging rot wie Petersilie auf,
Und mehrere schlecht genähte Trommeln
Stießen Fischwolken durch das Gras aus,
Dessen Nüstern wilden Rauch einsogen.
Weiter weg ein Schießpulverstrand (wunderschön:
Seine Knochen zierlich, aber mit Stacheln), doch weder
Ich noch das Wasser erreichte ihn, und Möwen
Fielen am Strand entlang mit leicht gequälten Explosionen herab,
Die Zitronenduft und Triangelklang in der Luft
Hinterließen, auf den Knochen eine weißliche Feuchte.
Süße Dinger! Ein paar Zigaretten
Lockten ein Dutzend an; ich versammelte sie
Innerhalb von Jahren und trotz ihrer Stacheln
Und Seifigkeit; und die Maschine redete
Unsinn und war ungenießbar. Ich entschloß mich,
Zu desertieren, den mir verbliebenen Witz zur Wandlung
In eine Amateurbombe zu verwenden und
– Mit etwas Angst, da das Meer schwärmte –
Auf den Strand zu springen. Es gelang mir, mich
als trauriges Vibrieren von Stimmgabeln zu erheben,
um einige Farben, Weine, Monde zu berühren,
Und Wäsche, kochend in Winterlichkeit.

   

Gelbe Narzissen, oder Theodoras Schleppe

Sie bauten die Basilika auf zertrümmerten Knochen und bombardierten sie.
Damals war das. Relikte und ihre Hüter wurden zu
Vagem Staub über rätselnden Mosaiken;
Doch ist es so. Ich vermisse die Engel mit ihren rosa Ohren
Und den tiefempfundenen Lärm von Harmonien bei Sonnenaufgang,
Mit Katzengejaule verwoben; auch der Garten,
Wo die Erde mit Tränengift, Fuster, Elge
Und zartem Papiertau flatterte
Und die Seelen heißer Zigarren versüßte, ist nun Schmutz:
Doch wozu trauern?
Das Gestade ist gemischter Schlamm, schattenlos, nicht trocknend,
Ich esse verirrte Aale und erschöpfte
Feldschlangen, mein Körper ist mein einziger Gefährte,
Doch die Welt ist ganz. Wenn über dem Ozean
Bedauernd-bedrohlich Asche hängt und sich
Dem Land und Abend zu aufrollt, verflacht die Sonne sie.
Ich parodiere tote Astronomen, die sterbende Sterne
Aus ihrem schiefernen Willen zogen,
Und meine Hände ernten Licht, wo schwarzer
Schlick ihre gelben Mosaiksteinchen enthüllt.

   

L'Hôpital des Enfants Malades

Ein Tag plötzlich ausgelöster Erinnerungen,
Flaggen im Nebel schlagend,
Gebäude warfen ihren Pelz ab,
Deutsche Sätze wurden für die ausgesprochen,
Die sprechen konnten; die anderen ...
Ein nacktes Mädchen, aus Dunst geboren,
Heilig, zusammengesetzt aus Schwämmen,
Singt "Nimm die Gedanken hoch,
Mein Glanz lehrt dich Vertrauen."
Ihre Schweine sind um mich – "Warte" –
Die treuen Dörrpflaumenkinder,
"Warte, bis ich mich an den Morgen erinnere,
An dem du unsichtbar warst,
Oder bis du gewöhnlich geworden bist,
Bis ich weniger weiß."

   

÷ ÷ ÷ ÷ ÷ ÷

   

Die Übersetzung dieser Gedichte (Originaltitel: The Relics / The Devoted Spy / The Battle / Daffodils, or Theodora's Train / L'Hôpital des Enfants Malades) basiert auf An Anthology of New York Poets, edited by Ron Padgett and David Shapiro, Random House, New York, 1970, S. 85-87. 

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Harry Mathews, dem ich für seine hilfreichen Hinweise danke. Copyright © der deutschen Übersetzung Johannes Beilharz 2001.

Kurzbiografie | Internationale Lyrik | Forum | Index