Cross Over

Gedichte von Lyrikern aus verschiedenen Ländern
in deutscher Übersetzung von Johannes Beilharz,
die zuvor von 2014 bis 2017 im Feuilleton von FixPoetry
in der Rubrik Cross Over erschienen.
   
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Inhalt

Sascho Serafimov: Unterhaltung
John Ashbery: Paradox und Oxymoron
Peter Didsbury: Ein Rätsel
Gabriel Ferrater: Ein unmäßiger Sonnenuntergang
Max Jacob: Einer meiner Tage
Jeton Kelmendi: Die Königin der Nacht
Anuradha Majumdar: Wachablösung: in Nachfolge Vyasas
Octavio Paz: Unterbrechungen des Westens (1)
Barbara Guest: 20
Erling Kittelsen: Aus: Abiriels Løve


   

Sascho Serafimov

Unterhaltung

Ein Gedicht und ich trinken was im Café
und es beschwert sich,
dass sein Himmel nicht so blau,
sein Fluss nicht so klar ist,
dass ihm jemand die Liebste abspenstig gemacht hat
und die Leute es nicht mehr als Liebesgedicht betrachten, sondern als Regengedicht.
Und bist du frei? – frage ich das Gedicht, nur um die Unterhaltung fortzusetzen.
Freiheit! Wer hat dafür heute noch Verwendung?
Ich dachte, Freiheit wäre das Land der Poeten, doch stellte es sich
als Lüge, Legende, Mythos heraus – so etwas wie Atlantis.
Jeder redet davon, keiner hat’s je gesehen.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors unter Zuhilfenahme des bulgarischen Originals aus einer englischen Übersetzung übertragen von Johannes Beilharz.

Разговор

Пием си с едно стихотворение в кафенето
и то се оплаква,
че небето му не било толкова синьо,
че реката му не е бистра,
че някой му откраднал любовта
и хората вече не го броели за любовно, а за дъждовно.
А свобода имаш ли? – питам стихотворението, колкото да върви приказката.
Къде ти свобода! Кой я ползва сега?
Мислех, че свободата е страната на поетите,
но се оказа лъжа, легенда, мит, нещо като Атлантида.
Всеки говори за нея, а никой не я виждал.

– Сашо Серафимов

Dieses und zwei weitere Gedichte von Sascho Serafimov in deutscher Übertragung sind hier zu finden.

Sascho Serafimov wurde 1953 in Dobritsch, Bulgarien, geboren. Dramaturg am Puppentheater Dora Gabe (1984-1991), Leiter des Kulturzentrums Jordan Jovkov (1993-2013) in Dobritsch. Vorsitzender des Schriftstellerverbandes der Region Dobritsch seit 1997. Seit 2009 Chefredakteur der Literaturzeitschrift Antimovski Han. Serafimov veröffentlichte seit 1979 acht Gedichtsammlungen.  

   

John Ashbery

Paradox und Oxymoron

Dieses Gedicht beschäftigt sich mit Sprache auf einer sehr einfachen Ebene.
Schau, wie es mit dir redet. Du schaust aus einem Fenster
Oder gibst vor, nervös zu sein. Du hast es, hast es aber auch nicht.
Du vermisst es, es vermisst dich. Ihr vermisst euch.
 
Das Gedicht ist traurig, weil es dein sein will und nicht sein kann.
Was ist eine einfache Ebene? Dies und auch andere Dinge,
Die ein ganzes System solcher Dinge spielen lassen. Spielen?
Ja, tatsächlich, doch, aber ich betrachte Spielen
 
Als etwas Tieferes, Äußerliches, ein geträumtes Rollenmuster,
Wie diese langen Augusttage ohne Nachweis
In ihrer Gnadenverteilung. Offene Enden. Und ehe du etwas merkst,
Ist es in Dampf und Schreibmaschinenrattern verlorengegangen.
 
Es ist noch einmal gespielt worden. Ich glaube, du existierst nur,
Um mich scherzend dazu zu bringen, genau das zu tun, auf deiner Ebene, und dann bist du nicht da,
Oder hast eine andere Stellung bezogen. Und das Gedicht
Hat mich leicht neben dich gesetzt. Das Gedicht bist du.
 
Aus dem amerikanischen Englisch von Johannes Beilharz.
 
Das Original dieses Gedichts, Paradox and Oxymoron, stammt aus: John Ashbery, Shadow Train, 1981. Die Übersetzung erschien ursprünglich in Akzente, Heft 6, Dezember 1982. Copyright © 1982 Carl Hanser Verlag / Johannes Beilharz.
 
Weitere von Johannes Beilharz übersetzte Gedichte von John Ashbery sind hier und hier zu finden.  

   

Peter Didsbury

Ein Rätsel

          Dem Tod nahe, der Staat ist ihm gleichgültig geworden, sitzt Kaiser Justinian
          bis spät in der Nacht wach. In Gesellschaft einiger alter Priester sucht er die
          makabren Rätsel des göttlichen Willens zu ergründen. An einem anderen Ort
          verblutet langsam ein Navigator im Heck eines getroffenen Bombers.

 
Justinian. Achtzig und ein paar Jahre alt. Ich bringe alles durcheinander.
Navigation ist das, glaube ich. Dunkelheit erschüttert in Aufständen
oder Flak. Gerade so viel Licht, dass es den Tisch beleuchtet.
Licht bleibt ein Problem. Wenn der Mond
durch die Palastfenster scheint, bricht er sich am Boden.
Sie fangen den Mond in Metallschüsseln und machen uns so aus.
Was habe ich hier verloren, vierzig Jahre danach? Oder sind es noch mehr?
Das Rot und Weiß der Karten erinnert mich an die Geschenke,
die meine gebeugten Priester dem Volk überreichen.
Die Hände vorgestreckt, sitzen sie wie erfroren in ihrer Montur.
Die Welt liegt in farbigen Würfeln auf dem Palastboden.
Eine flackernde Kerze. Über Aachen aus den Wolken hinabgetaucht,
das war Anastasis, hell wie der Tag. Und ich war Christus
und streckte die Hand nach Adam aus. Bekam ihn nie zu fassen.
Wie kann dieser unbarmherzige Vogel nur so hoch oben fliegen?
Welches Leben herrscht in der Taube? Wo ist die Dämmerung?
Entweder muss diese Nacht jetzt enden, oder sie wird ewig dauern. Ein Rätsel mehr.
Wieder und wieder stecke ich den Kurs ab, kann uns aber nicht heimbringen.
 
Anmerkung des Autors: Anastasis bezeichnet den Abstieg des Christus zur Hölle. Ich stellte mir einen Moment der Zeitlosigkeit im Augenblick des Todes vor, in dem diese Seelen aufeinander treffen und sich vermischen. Das Gedicht ergab sich aufgrund der gleichzeitigen Lektüre von Randall Jarrell und H. St L.B. Moss' The Birth of the Middle Ages, von dem ein Teil des Epigrafs abgeleitet ist.

Aus: Peter Didsbury, The Butchers of Hull, Bloodaxe Books, Newcastle upon Tyne 1982. Übertragen von Johannes Beilharz mit freundlicher Genehmigung von Peter Didsbury. 

A Riddle

          Close to death, and heedless of the State, the Emperor Justinian sits far
          into the night. In the company of a few old priests he is pondering the
          macabre riddles of the Divine Will. In another place, a navigator is
          slowly bleeding to death in the back of a doomed bomber.

 
Justinian. My eighty-somethingth year. I get mixed up.
Navigating, I think. Darkness crumping into insurrections,
or flak. Light reduced to what will serve a table.
Light remaining the problem. When the moon
shines through the palace windows, it breaks upon the floor.
They catch the moon in metal bowls, and use it to finger us out.
What am I doing here, forty years on? Or is it longer?
The red and white of the maps recall the gift
my stooping priests bestow upon the people.
Their hands reach forward. They sit frozen in their gear.
The world lies done in coloured cubes upon the palace floor.
A flickering candle. Dropping through cloud over Aachen
it was Anastasis, as bright as day. And I was Christ,
and I reached for the hand of Adam. Never grasping.
How can this remorseless bird be flying so high up?
What life obtains inside the Dove? Where is the dawn?
This night must either be ending now, or going on for ever.
It is one more riddle. I plot and plot, but cannot get us home.

Author's note: Anastasis is Christ's Harrowing of Hell. I was imagining a moment of timelessness at the moment of death in which these individual souls meet and are confused. The poem shews the effects of reading Randall Jarrell concurrently with H. St L.B. Moss's The Birth of the Middle Ages, from which part of the epigraph is adapted.

From: Peter Didsbury, The Butchers of Hull, Bloodaxe Books, Newcastle upon Tyne 1982. 

   

Gabriel Ferrater

Ein unmäßiger Sonnenuntergang

Diese menstruierende Sonne will nicht untergehen.
Schau dir diese rote Verrückte an, wie sie sich
dem sie bedeckenden Bettuch der Berge verweigert.
Wieder ein übertriebener Tag. Wieder geht ein Tag
unter, von dem du geglaubt hast, seine Farbe
werde nie wiederkehren, nie wiederkehren
wie das faulende Blut. Trockne dich ab, Licht,
zieh Wattestreifen aus Wolken heraus, reinige dich,
komm wieder, trink den klarsten Gin aus Mond und Meer.
 
(El ponent excessiu)
 
Aus dem Katalanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Weitere Gedichte Ferraters in Übertragung von Johannes Beilharz sind hier zu finden.
 
Gabriel Ferrater (1922-1972) gilt als einer der bedeutendsten katalanischen Lyriker des 20. Jahrhunderts.   

      

Max Jacob

Einer meiner Tage

Wollte mit zwei blauen Töpfen an der Pumpe Wasser holen; vom Schwindel erfasst wegen der Höhe der Leiter; zurückgekommen, weil ich einen Topf zu viel hatte und nicht zur Pumpe zurückgekehrt wegen des Schwindels; ausgegangen, um ein Tablett für meine Lampe zu kaufen, weil aus ihr Petroleum ausläuft; nur quadratische Teetabletts gefunden, die für Lampen wenig geeignet sind, und den Laden ohne Tablett wieder verlassen. Mich auf den Weg zur öffentlichen Bibliothek gemacht und unterwegs bemerkt, dass ich zwei Steckkragen und keine Krawatte anhatte; nach Hause zurückgekehrt; zu Monsieur Vildrac gegangen, um ihn um eine Revue zu bitten, und diese Revue nicht mitgenommen, weil in ihr Jules Romains Schlechtes über mich schreibt. Nicht schlafen können wegen Gewissensbissen, wegen Gewissensbissen und aus Verzweiflung.
 
(Une de mes journées)
 
Aus dem Französischen übersetzt von Johannes Beilharz.
 
Der Dichter und Maler Max Jacob (1876-1944) verbrachte seine Jugend in seiner Heimatstadt Quimper in der Bretagne. In Paris schlug er ab 1897 eine künstlerische Laufbahn ein. Er lebte im Quartier Montparnasse, wo er sich auf dem Boulevard Voltaire mit Pablo Picasso ein Zimmer teilte. Durch Picasso lernte er Guillaume Apollinaire kennen, durch ihn knüpfte er Kontakte zu Jean Cocteau, Christopher Wood und Amedeo Modigliani, der ihn auch mehrfach porträtierte.
 
1915 Konversion vom Judentum zum Katholizismus. Nach einem zurückgezogenen Leben im Benediktinerkloster in Saint-Benoît-sur-Loire von 1921 bis 1928 kehrte er 1936 wieder nach Paris zurück.
 
1944 wurde er von der Gestapo verhaftet und zunächst ins Gefängnis von Orléans gebracht. Er starb am 5. März 1944 an einer Lungenentzündung im Sammellager Drancy.
 
Max Jacobs Werk steht dem Surrealismus nahe. Das oben übersetzte Prosagedicht stammt aus Le cornet à dés (erstmals im Selbstverlag veröffentlicht 1917, dann erneut 1945 bei Gallimard).

Weitere Übersetzungen aus Le cornet à dés sind hier zu finden.

      

Jeton Kelmendi

Die Königin der Nacht

Meine Hand erreicht dich nicht
heute Abend
Und auch meine Augen erreichen
deine Heimatstadt nicht
Königin
Da ist entweder etwas in dir drin
oder ich bin nicht gut drauf
Die Augen der Nacht schleudern Blitze
Sie verweißen den Himmel der Gedanken
über deinem Körper
Er ist noch nicht angekommen
im Königreich der Nacht
So neugierig du auch bist
die Schatten langer Hände sollen nicht dein sein
beim heutigen Abendmahl ohne Königin
 
Die Vorlage für dieses Gedicht stammt aus: Jeton Kelmendi, How to Reach Yourself, 2010 (autorisierte englische Übersetzung aus dem Albanischen von Peter Tase).
 
Deutsche Übersetzung von Johannes Beilharz mit freundlicher Genehmigung von Jeton Kelmendi.
 
Jeton Kelmendi wurde 1978 in Peja (Kosovo) geboren. Primäre und weiterführende Schulbildung in seiner Heimatstadt. Abschluss eines Journalismus-Studiums an der Universität Priština. Zur Zeit absolviert er ein weiterführendes Studium in internationaler Politik und Sicherheit an der Université Libre de Bruxelles.
 
Parallel zum Studium schreibt und veröffentlicht Jeton Kelmendi weiterhin Gedichte. Er arbeitet mit verschiedenen albanischen und ausländischen Medien zusammen und behandelt hauptsächlich kulturelle und politische Themen.
 
Dank seines ersten lyrischen Werks Jahrhundert der Verheißungen, 1999 veröffentlicht, das ein großer Erfolg wurde, hat Kelmendi eine große Anhängerschaft. Seine Gedichte wurden in 22 Sprachen übersetzt und in vielen Anthologien veröffentlicht. Er ist Mitglied zahlreicher internationaler Lyrikvereinigungen.
 
Kelmendi lebt in Brüssel.
Weitere Gedichte von Jeton Kelmendi in deutscher Übersetzung sind hier zu finden.

Anuradha Majumdar

Wachablösung: in Nachfolge Vyasas

Das Königreich fällt vom Gipfel des Himmels,
der Flötenspieler wärmt den Wind.
 
Moloche krachen taumelnd Klippen hinab,
auf denen die Weißsonne an einem Sonnwendabend spielt.
 
Wieder einer getötet, wieder eine Zinne, die fällt,
Staub zu Staub auch dieser, einst erster aller Herrscher.
 
Doch der Flötenspieler spielt eine klare Melodie,
die jedem Reich, ob neu geboren oder sterbend, ins Ohr dringt.
 
Selbst die breitlippigen Lügen mit weißen Spitzen in den Ecken
unterstehen dem Herzschlag der Zeit, seiner langen gegenseitigen Stille.
 
Die Harlekins spielen wieder für die Galerie, doch das Rad
schließt den Kreis und hält an, bis sich das Auge des Reichs im Inneren öffnet.
 
(Change of Guard)
 
Übertragung ins Deutsche von Johannes Beilharz mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Original und Übersetzung wurden erstmals veröffentlich in der von Johannes Beilharz herausgegebenen zweisprachigen Anthologie Inspired Poems | Inspirierte Gedichte.

Anuradha Majumdar, geb. 1957, lebte in Allahabad, Benares und Kalkutta, wo sie Englische Literatur studierte. Magister in Vergleichender Literatur. Lebt seit 1982 in Auroville, Südindien. Schriftstellerin und Choreographin. Buchveröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Indien seit 1993. Zuletzt erschienen der Roman Refugies from Paradise (2004), das Jugendbuch Island of Infinity: Marina’s Dream (2005), der Roman The God Enchanter (2011) und das Jugendbuch Infinity Papers (2014). Das Gedicht Change of Guard wurde 2006 verfasst. Der in dem Gedicht genannte Dichter Vyasa gilt als Autor des indischen Nationalepos Mahabharata und lebte um 3000 v. Chr.

Octavio Paz

Unterbrechungen des Westens (1)

(Russisches Lied)
 
Wir bauen den Kanal:
Durch Arbeit werden wir umerzogen.
 
Der Wind bricht sich an unseren Schultern.
Wir brechen uns an den Felsen.
 
Wir waren hunderttausend, jetzt sind wir tausend.
Ich weiß nicht, ob morgen die Sonne für mich aufgehen wird.
 
War es Majakowski, der sagte: der proletarische
Hahn kräht zur Dämmerung des Menschen?
 
(Intermitencias del oeste (1))
 
Aus dem Spanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Gedicht stammt aus: Octavio Paz, Ladera Este, 1969.
 
Der Mexikaner Octavio Paz (1914-1998), Nobelpreis für Literatur 1990, ist einer der Giganten der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Weitere Übersetzungen von Gedichten von Octavio Paz sind hier zu finden.

Barbara Guest

20

Schlaf ist 20
                       Erinnerung an die
unbedeutende Flamencotänzerin
in Granada
                       die Bedeutung
erlangte, als du den Bergkamm
sahst
                       die trockenen Hügel
 
Was für eine idiotische Zahl!
 
Schlaf ist zwanzig
 
er ist ganz gewiss nicht zwanzig Schafe
so viele waren nicht in der Herde
unter dem kalten Scheitel der Sierra Nevada
 
Er ist eher wie 20 Busse auf der Madison Avenue
während ich in meinem Traumleben weitersumme
Jede Episode ist wichtig
das ist es! Sequenzen –
Bei mir läuft ein Drama in zwanzig Akten ab
das Theater des Aktiven
die Kritiker sind sicher schon da
sogar die Darsteller
sogar die Blumen auf der Bühne danach
sogar die Wiesenblumen,
gepflückt von der Frau des Ziegenhirten
jeden Tag frühmorgens (während ich schlafe)
unter dem Schneekegel
der Sierra Nevada
 
                       gelbe Kappen wie Kastagnetten
                       ich greife in meinen Blumenstrauß hinein
                       halb im Traum
                       und zähle zwanzig
                       Köpfe mit gelben Kappen
 
Blumen, die zwanzig Mal klicken,
weil sie sich gern wiederholen
 
wie auch ich, wie auch der Morgen
oder das Drama, das hoffentlich
viele Aufführungen erleben wird
 
Wie sogar diese Träume in den Köpfen
ähnlicher Leute
 
                       20
 
               Kastagnetten
 
(20)
 
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Johannes Beilharz.
 
„Auch wenn ihr Werk sich zeitweise spröde gibt und einen vor Herausforderungen stellt (wenigstens mich), ist es andererseits auch von einer wahren Großzügigkeit erfüllt. Oh dieses Werk. Es wird nie wieder ein Grün wie Barbara Guests Grün geben, nie wieder ein solches Gold, ein solches Rot. Und keinen Raum, der um ihre Worte schimmert wie ihr Raum.“
– Christine Deavel, Open Books, Seattle, Washington

Die amerikanische Dichterin Barbara Guest (1920-2006) gehörte mit John Ashbery, Kenneth Koch, Frank O’Hara und James Schuyler zur ersten Generation der New York Poets. Neben zahlreichen Gedichtbänden veröffentlichte sie den experimentellen Roman Seeking Air und, unter dem Titel Herself Defined, eine Biografie der Dichterin H. D. (Hilda Doolittle).

Das obige Gedicht stammt aus: Barbara Guest, The Blue Stairs, 1968.
 
Von Barbara Guest erschienen unter dem Titel Fallschirme, Geliebter ausgewählte Gedichte in Übersetzung von Johannes Beilharz (Wiesbaden: luxbooks 2008).
Weitere Gedichte von Barbara Guest in deutscher Übersetzung sind hier/a> zu finden.

Erling Kittelsen

Aus: Abiriels Løve

Dann hörte ich etwas mit dem Ohr
und hörte in mir selbst lautlos
Worte, die von Einsamkeit sprachen,
und die eine Flut von Fragen beantworteten.
Ich sank in die Erde, in die Tiefe – himmelsgespaltene
Elemente kamen zusammen und brachen auseinander
wie ein gewaltiger Riss; Sorge ...
Flügelschlag und Angst vor dem Himmel
wird zu Wut und Blitz, der einschlägt
in eine Eiche und mich aufweckt,
meine Angst weg, die Erde mild,
und da stehst du, das ist mein bisheriges Leben,
Einsamkeit ist die ganze Erde ohne dich.
 
Aus dem Englischen unter Berücksichtigung des Norwegischen übersetzt von Johannes Beilharz.
 
Norwegisches Original:
 
Da hørte jeg med øret noe
og hørte i meg sjøl uten lyd
ord som sa meg ensomhet,
og dette svarte på en strøm av spørsmål.
Jeg sank i jord, i djup – himmel kløyvd
elementer knyttet seg sammen og brast
som en veldig tåre; sorg …
Vingeslag og angst mot himmelen
snur til lyn og raseri, slår ned
i et eiketre her jeg våkner opp
min redsel borte, jorda mild
og der står du, dette er mitt liv til nå,
ensomhet er hele jorda uten deg.
 
Abiriels Løve (1988)
 
Erling Kittelsen, geb. 1946, ist Autor von Gedichten, Fabeln, Romanen, Übersetzungen und Theaterstücken. Seine erste Gedichtsammlung Ville fugler erschien 1970, die neueste, Diktet løper som en by, 2010.
 
Das obige Gedicht stammt aus: Erling Kittelsen, Selected Poems / Utvalgte Dikt (2012).

Auszug aus dem Klappentext von Selected Poems: „Kittelsen ist als Dichter des Widerstands bezeichnet worden; er bildet ein notwendiges Gegengewicht zu unserer kommerzialisierten Kultur. Gleichzeitig eröffnet er neue Wege zu Mythologie und uralten Erfahrungen, die unsere Menschlichkeit tragen und erweitern.“

    

Anmerkungen des Übersetzers

Die Anregung, im Feuilleton von FixPoetry eine Serie mit von mir angefertigten Gedichtübersetzungen zu bringen, kam 2014 von Frank Milautzki, der damals an dem Lyrikportal mitwirkte. Einige der Übersetzungen waren nicht "neu", d. h. sie waren bereits zuvor in anderen Druck- oder Online-Veröffentlichungen erschienen. Im Laufe der Zeit kamen allerdings immer mehr "Originale" dazu.

Johannes Beilharz, Dezember 2021

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